Dienstag, 6. Januar 2026

Der 70-Punkte-Herzschlag: Ein Morgen in der 8,76-Milliarden-Euro-Blase

Seit 1997 lebe ich jetzt hier in Südtirol. Aber wenn ich morgens die Lokalzeitung Alto Adige aufschlage, blitzt immer noch kurz der Bochumer in mir auf.

Da steht er wieder: Der Spread. Ein kleiner Schnipsel der Nachrichtenagentur ANSA meldet, dass der Abstand zwischen den italienischen Staatsanleihen (BTP) und den deutschen Bundesanleihen (Bund) bei 70 Punkten liegt. In Italien ist das der tägliche Puls-Check: Wie sehr vertraut die Welt Rom noch im Vergleich zum „Austeritäts-Primus“ Berlin?

Sorgenfalten im Schlaraffenland

Es ist von einer fast schon poetischen Ironie, dass wir hier in Bozen diesen Spread so genau verfolgen. Wir blicken offiziell besorgt auf die Kreditwürdigkeit des Gesamtstaates, während wir gleichzeitig auf einem Geldspeicher sitzen, der selbst Dagobert Duck blass werden ließe.

Die Südtiroler Landesregierung hat gerade den Haushaltsvoranschlag für 2026 auf den Weg gebracht: 8,76 Milliarden Euro. Das ist ein Hammer. Für meine Freunde in Bochum zur Einordnung: Das Land Südtirol hat rund 535.000 Einwohner. Das sind pro Kopf über 16.000 Euro. Meine alte Heimat Bochum (365.000 Einwohner) muss mit einem Haushalt von rund 1,9 Milliarden Euro auskommen – das sind gerade mal 5.200 Euro pro Nase. Während man im Ruhrgebiet um jede Million für die Schulsanierung ringt, sind diese Zahlen hier aus einer anderen Galaxie.

9/10 – Die magische Formel

Warum wir hier so klotzen können? Wegen der „9/10-Regelung“. Dank der Autonomie bleiben neun von zehn Euro der hier erwirtschafteten Steuern direkt im Land. Wir sind die Nutznießer eines Systems, das uns erlaubt, den eigenen Reichtum fast komplett selbst zu verwalten.

Aber damit nicht genug: Wir greifen zusätzlich beherzt in den EU-Wiederaufbaufonds (PNRR). Über 1,4 Milliarden Euro fließen extra nach Südtirol für tausende Projekte – finanziert durch jene Milliarden, die Italien sich aus dem „NextGenEU“-Topf gesichert hat und für die der Norden bürgt.

Der Hohn in der Zeitung

Dass der Alto Adige – das italienischsprachige Blatt der mächtigen Athesia-Gruppe – diesen Spread so pflichtbewusst druckt, ist der eigentliche Witz. Wir tun so, als hingen wir am Tropf der Weltwirtschaft, während wir gleichzeitig in Mitteln schwimmen, von denen man im Revier nicht einmal zu träumen wagt.

Mein Fazit nach fast 30 Jahren im Exil: Ich bin kein Südtiroler, aber ich beobachte das Schauspiel nun schon lange: Ich bewundere es fast, dass die Bundesrepublik – allen Unkenrufen zum Trotz – immer noch versucht, an ihren Prinzipien der Solidität und der Schuldenbremse festzuhalten, auch wenn es wehtut. Hier im Süden hingegen genießt man die Vorzüge der Autonomie und nimmt gleichzeitig mit, was der italienische Staat und die EU an Schuldenpaketen bereitstellen.

Sich dann über 0,2 Punkte Schwankung im Spread zu echauffieren, ist fast schon Realsatire. In Bochum würde man fragen: „Sacht mal, glaubt ihr eigentlich selbst, dass dat ewig so weitergeht?“ Hier in den Alpen bestellt man sich derweil einen weiteren Espresso und freut sich über den „soliden“ Voranschlag.

Eure Weiße Fliege

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

PagoPA: Wenn der Algorithmus den Umlaut frisst und der Mittelmann den Rahm abschöpft

Man schreibt das Jahr 2026. In der Verwaltung der TFO Bruneck sitzt eine Sachbearbeiterin und tut genau das, was ihr Job und das Autonomiest...